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  • Katrin Reichelt

Come in und burn out

Krankenschwestern und Krankenpfleger: Sie sind diejenigen, die Erfahrung haben – jetzt, wo Long Covid und Impfnachwirkungen immer weiter um sich greifen. Wir könnten und müssten sie um Rat fragen.


Sie waren da. Sie kennen all die kleinen und großen Handgriffe und Hilfen, die das Leben für Betroffene leichter machen.

Doch wir haben sie vergrault: mit einem Gesundheitssystem, dass sie einfach nur ausbrennt, statt sie als die wichtigsten und wahren Partner*Innen am Krankenbett wertzuschätzen. Es waren die Intensiv-Schwestern und -Pfleger, die über drei Jahre vor Ort waren. Die unzählige Hände hielten, weil Angehörige nicht zu ihren Sterbenden durften.

Der i-Patient hat den echten Patienten abgelöst, sagt Stanford-Immunologe Abraham Verghese. Diese Erkenntnis könnte man mühelos erweitern auf den i-Doctor, der in den USA nur noch 15 bis 17 % seiner Zeit direkt mit seinen Patient*innen verbringt. Der Rest fällt unter Administration. Oder die i-Schwester, die von Zimmer zu Zimmer rennt, allen die richtigen Medikamente verabreichen und sich dazu zuverlässig 100 x am Tag die Hände desinfizieren, Mails beantworten und die Computerprogramme fehlerfrei mit den richtigen Patientendaten füttern soll, damit am Ende die Medikamente stimmen. Der Kollaps dieses in sich kranken Systems kam mit der Corona-Pandemie. Schwestern und Pfleger waren diejenigen, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten, um die herein flutende Corona-Welle irgendwie zu bewältigen. Nicht wissend, ob SARS-CoV-2 sie vielleicht selbst das Leben kostet. Oder ob sie jemanden, den sie lieben, anstecken, wenn endlich Feierabend ist. Sie hatten Eltern, die zu den besonders gefährdeten Gruppen gehörten. Und Kinder, die oft von diesen Eltern mit betreut werden.

Ich stelle mir ihre Arbeit auf den Intensivstationen ähnlich vor wie Bombentauchen. Du weißt nie, ob du wieder nach Hause kommst.


Als das schlimmste einigermaßen überstanden war, liefen sie in Scharen davon. Im Video "Wir pflegen euch nicht mehr" erzählen sie von ihren Arbeitsbedungungen und was diese mit ihnen machen. Die Versprechen, wie sie in Zukunft bessere Arbeitsbedingungen bekämen; dass die Gehälter ENDLICH angemessen angepasst würden – nur eine weitere in der Pandemie der Lügen.

Statt besserer Bedingungen gibt es zahllose Schwestern, Pfleger und Ärzt*Innen, die sich während der ersten Welle der Pandemie, als es noch keine Impfungen gab, oder auch später infizierten und nun an Long Covid leiden. Was sie im schlimmsten Fall berufsunfähig zurücklässt. Oder sie weigerten sich, sich impfen zu lassen und verloren deshalb ihren Job. Manche kämpfen noch heute um ihr Recht auf Selbstbestimmung.


Nun haben wir keinen Bettennotstand mehr, sondern einen Pflegenotstand.

Bisher hat es niemand geschafft, den Geist des Helfen-Wollens wieder zu beleben. Zum ersten Mal bekommen wir in Deutschland zu spüren, was es heißt, wenn das Gesundheitssystem nach all seinen Sinnlos-Reformen ausgebrannt ist, überwältigt, entkernt von denjenigen, die es auf ihren Schultern getragen haben..



Fast alle in diesem Metier kamen ursprünglich, um eine heilende Welt zu schaffen. Was sie stattdessen finden, ist Zeitnot. Dauerdruck. Patient*Innen als Nummer, enge Budgets, unrealistische Fallpauschalen, gnadenlose seelische und körperliche Überlastung, Nachtschichten, Burnout, Stress, Nebenwirkungen, Kreuzwirkungen, Krankenhauskeime, chaotische Patientenakten. Und dann: Corona. Das hundertfache Gefühl, nicht wirklich helfen zu können.

80 Prozent der US-Ärzt*innen zweifeln inzwischen daran, dass sie den richtigen Beruf haben. Die Zahlen in Deutschland sehen nicht viel besser aus. Und wenn man die Pflegedienste fragt, grenzt es an ein Wunder, dass sie überhaupt noch zur Arbeit erscheinen. Auf der Überholspur der Technologie ist in den letzten 40 Jahren die Empathie auf der Strecke geblieben. Nicht nur die für die Patient*Innen. Sondern für ALLE Beteiligten.

Wir brauchen euer Wissen mehr denn je!

Einer der einflussreichsten Krankenhaus-Innovatoren, Peter Pronovost vom Johns Hopkins in den USA, nennt INTRINSISCHE MOTIVATION als den wichtigsten Faktor. Das bedeutet: Die Identifikation mit dem Unternehmen und die feste Verankerung von Verantwortlichkeiten ist laut Pronovost der Schlüssel, um eine so herausfordernde Arbeit zu bewältigen. Er geht noch einen Schritt weiter: „In den besten Kliniken“, sagte er in einem Stern-Interview, „ist es Teil des persönlichen Selbstverständnisses, sich die Sache der Patient*Innen zu eigen zu machen.“ Diese Verantwortung wurde ihnen mit einer Flut von täglich wechselnden Regeln und Bestimmungen entrissen.

Sie wären die allerersten, bei denen sich die Politik entschuldigen müsste! Stattdessen wird nun die Verantwortung im Kreis geschoben. Gesundheitsminister Lauterbach führt die Prozession derjenigen, die es nicht gewesen sein wollen, wortreich an.

Wir brauchen das Wissen dieser Schwestern und Pfleger! Denn sie sind die einzigen, die Patientin für Patient vor Ort waren. Es ist so kostbar wie aktuell das des Technischen Hilfswerks in den Erdbebenzonen der Türkei und Syrien.. Was Covid angerichtet hat, wurde von Long Covid abgelöst und an vielen Stellen wiederholen sich die Symptome.

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